Catharina Cramer stieg bereits mit Mitte 20 auf die Brücke der vormals erfolgreichsten Brauerei Deutschlands. In ihrer Zeit an der Spitze hat die Tochter von Albert Cramer viel versucht, um den einstigen Brau-Riesen wieder in die Spur zu bekommen. Sie vertraute auf Leute von Roland Berger, hoffte auf einen erneuten Höhenflug mithilfe ehemaliger Red Buller. Heute besetzt sie ihre wichtigsten Positionen wieder mit Brauerei-Profis und baut die 3.560.000 hl große Warsteiner Gruppe unter dem Namen Haus Cramer zu einem breit aufgestellten Getränkeunternehmen um. Im Interview spricht Catharina Cramer über ihre Anfänge, alte und neue Herausforderungen sowie die Rolle von Frauen in der Branche. Außerdem verrät sie, wer ihre Vorbilder sind und was sie in fünf Jahren mit der Marke Warsteiner erreicht haben will.
INSIDE Future: Frau Cramer, zu welchem Zeitpunkt ist Ihre Entscheidung gefallen, in das Familienunternehmen einzusteigen?
Catharina Cramer: Das war bereits mit Anfang 20, als für meine älteren Schwestern klar war, dass ihr Weg sie nicht in das Familienunternehmen führt. Daher sind meine Eltern auf mich zugekommen und haben mich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. Da musste ich gar nicht lange zögern und war sofort Feuer und Flamme. Zu unserem 250-jährigen Firmenjubiläum 2003 wurde ich dann offiziell als Nachfolgerin vorgestellt.
War dieser Schritt für Sie von Anfang an klar?
Nein, gar nicht, da ich ja die jüngste von uns drei Schwestern bin und eins immer klar war: Nur eine wird unser Familienunternehmen übernehmen. Ich dachte immer, dass meine älteste Schwester die Nachfolge unseres Vaters Albert Cramer antritt. Als diese sich in eine andere Richtung entschied und meine andere Schwester Ihre Ausbildung zur Winzerin machte, habe ich mich mehr Richtung Getränkeindustrie orientiert und regelmäßig in die Abläufe in unserem Familienunternehmen reingehängt.
Wenn Sie heute auf Ihr jüngeres Ich treffen würden, würden Sie dann wieder genauso entscheiden?
Ja, denn ich liebe meinen Job. Mit dem Wissen von heute würde ich mir aber viel schneller kompetente Hilfe holen, denn auf die verschiedenen Krisen und Herausforderungen, die wir bewältigen mussten, war ich so nicht vorbereitet.
Was sind die größten Herausforderungen, mit denen Sie damals und heute zu kämpfen haben?
Die größten Herausforderungen kamen meist von außen und waren nicht beeinfluss- oder planbar, wie zum Beispiel die Coronakrise und der Krieg in der Ukraine. Aber auch der Werteverlust des Bieres oder der Preisverfall innerhalb der Branche gehören zu unseren täglichen Herausforderungen.
Was ist größer: der Stolz oder der Druck, an der Spitze des eigenen Familienunternehmens zu stehen?
Ich kann zum Glück sagen, dass ich nie Druck verspürt habe. Das lag vielleicht auch daran, dass nicht schon von Kindesbeinen klar war, dass ich das Unternehmen einmal führen werde. Der Satz “Ich kann, weil ich will, was ich muss“ fasst es gut zusammen, dabei ist das Wollen für mich das Wichtigste. Und so bin ich natürlich stolz und es ist mir eine große Ehre, das Familienunternehmen heute in neunter Generation führen zu dürfen.
Wie war das damals für Sie als junge Frau, in einer von Männern dominierten Branche Verantwortung zu übernehmen?
Ich wurde in der Branche insgesamt, aber auch bei unserer Belegschaft gut aufgenommen und sehr unterstützt. Das lag vielleicht auch daran, dass mein Vater mich frühzeitig allen relevanten Menschen in der Branche vorgestellt hatte und ich in die Bierbranche hineingeboren wurde. Viele kannten mich, seitdem ich ein junges Mädchen war. Die Kommentare zu meinem Kleidungsstil oder meiner Haarfarbe kamen dann mehr von außen und ich gestehe: Darauf hätte ich auch verzichten können.
Ist es für Frauen heute leichter geworden, sich in der Branche durchzusetzen?
Ich denke ja. Am Anfang war ich fast die einzige Frau in der Bierbranche und erst recht als Nachfolgerin in einem Familienunternehmen. Mittlerweile sieht man schon deutlich mehr Frauen auf Branchenevents und Familienunternehmer stellen mehr und mehr ihre Töchter nach vorne, die die
Familienunternehmen weiterführen sollen. Das ist doch eine vielversprechende Entwicklung.
In Warstein und Umgebung sind Sie stadtbekannt. Wohin ziehen Sie sich zurück, wenn Sie einfach mal Ihre Ruhe haben möchten?
Das ist eigentlich ganz einfach: Ich setze mich auf mein Pferd und reite los in den Arnsberger Wald und die Natur rund um unsere schöne Stadt, da kann ich gut abschalten.
Was nervt Sie am meisten an der Getränkebranche?
Viele Probleme sind hausgemacht. So nerven mich zum Beispiel die höheren Logistik- und Handlingkosten, die durch den Trend zu Individualflaschen und -kästen entstehen. Manchmal wünsche ich mir in der Branche mehr Weitblick bei Entscheidungen, die zwar kurzfristig Erfolge für den Einzelnen bringen, der Branche aber langfristig schaden können.
Haben Sie in der Branche (oder außerhalb) ein Vorbild, zu dem Sie aufblicken?
Ein Vorbild ist Werner Brombach, Inhaber der Privatbrauerei Erdinger. Nicht unbedingt nur, weil er auch eine Brauerei führt, sondern viel mehr, weil er sich als Mensch, seinen Werten und seiner Marke immer treu geblieben ist. Er schaut mittlerweile auf über 40 Jahre an der Spitze seines Unternehmens zurück. Das ist eine beeindruckende Leistung. Ebenso bewundere ich Hermann Hövelmann, der als Unternehmer mit Herzblut auch in einem recht stattlichen Alter noch hoch sportlich agil und sehr abenteuerlustig ist.
Gibt es eine Unternehmensentscheidung, auf die Sie besonders stolz sind? Oder eine, die Sie bereuen?
Ich bin stolz darauf, dass wir bereits frühzeitig an die Nachhaltigkeit zum Beispiel im Zusammenhang mit der Logistik gedacht haben und so bereits 2005 unser eigener Gleisanschluss auf dem Brauereigelände installiert wurde. Auch die Montgolfiade erfüllt mich jedes Jahr mit Stolz. Sie hat vor Jahrzehnten mal ganz klein angefangen und ist jetzt das größte Ballonfestival Europas. Bei anderen Entscheidungen würde ich nicht sagen, dass ich sie bereue, aber ich hätte uns insgesamt mehr Durchhaltevermögen bei Produkteinführungen gewünscht. Manche Dinge brauchen mehr Zeit und sind in unserer Branche nicht nur ein 100 Meterlauf, sondern eher ein Marathon. Den muss man dann allerdings auch durchhalten, bis sich Erfolge abzeichnen und nicht schon vorher aufgeben. Das haben wir leider bei einigen tollen Produkten nicht geschafft und diese aus meiner Sicht zu früh wieder vom Markt genommen oder nicht rechtzeitig eingeführt.
Was können Sie aus eigener Erfahrung jungen UnternehmerInnen raten, die künftig auch das Familienerbe antreten sollen/dürfen?
Wenn sie das Familienunternehmen übernehmen können, sollten sie es nur tun, wenn sie es wirklich wollen und mit Herzblut dabei sind. Und gerade für die Leitung des Familienunternehmens lege ich ihnen ans Herz, dass man nicht alles selbst können muss, sondern man sich die entsprechenden Experten rechtzeitig an die Seite holen sollte.
Wo sehen Sie Warsteiner bzw. die Haus Cramer Gruppe in fünf Jahren?
In fünf Jahren haben wir die Marke Warsteiner umpositioniert. Denn Wege, die wir vor 20 oder 30 Jahren gegangen sind, sind heute nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen als Biermarke wieder nahbarer und moderner werden. Ich freue mich außerdem auf tolle neue Produkte innerhalb unserer Getränkegruppe, die sicherlich in den nächsten Jahren dazu kommen werden.
Steckbrief zu Catharina Cramer
Lieblingsgetränk: Warsteiner – was sonst.
Leibspeise: Ich mag es traditionell – Königsberger Klopse oder auch ein
ordentliches Mettbrötchen.
Hobbys: Ich bin am liebsten Draußen unterwegs: Reiten oder Wandern aber auch Reisen am liebsten mit der Familie oder Freunden.
Liebstes Urlaubsziel: Es geht nicht unbedingt um den Ort, da gibt es so viele wunderschöne Ziele. Es geht mir um die Quality Time mit meiner Familie sowie ein wenig digital Detox, umso vom Alltag abzuschalten und die Akkus wieder aufzuladen.






